Energie aus Wildpflanzen
Energie aus Wildpflanzen
gut für Boden, Bienen und Feldhasen
Der Versuch, Biogas aus buntgemischten Wildpflanzen zu gewinnen ist vielleicht ein Projekt, das die Welt verändern kann! Mais-Monokulturen könnten in bunt blühende Felder
verwandelt werden, Deutschland käme der Unabhängigkeit vom Erdgas einen Schritt näher, für Bienen stünden ausreichen gute Futterquellen zur Verfügung, weitere Insekten bekämen eine Heimat, denn Malven, Rainfarn, Sonnenhut, Flockenblumen & Co. können durchaus mit dem Mais als Energiepflanze konkurrieren. Das zeigten jetzt zwei Jahre lang....
auf Feldern in Franken und Niedersachsen die Mitarbeiter der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) und das Projekt „Energie aus Wildpflanzen“ des Netzwerks „Lebensraum Brache“ , die hier besonders innovative Ansätze verfolgen. Die bisherigen Forschungsergebnisse wurden am 12. April 2011 auf einer Fachtagung in Berlin vorgestellt und diskutiert. Die Versuchsergebnisse sind sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich sehr vielversprechend. Nun wurde eine Verlängerung des Projekts um weitere vier Jahre beantragt. Die Chancen auf Förderung stehen gut, denn nun sollen im größeren Stil und stark praxisorientiert, die Erfahrungen von Landwirten und Biogasbetreibern mit Anbau, Ernte, Verarbeitung und Vergasung der unterschiedlichen Energiepflanzen einbezogen werden.
In erster Linie geht es darum, Wildpflanzenarten zu finden, die in mehrjährigen Mischungen angesät werden können und damit den einheimischen Wildtieren einen geeigneten Lebensraum bieten. Außerdem soll die angebotene Alternative für den Biogasanbau, dem einzelnen Landwirt ein ökonomisch interessanter Anreiz für die Umsetzung sein.
Die Praxis zeigt, dass bei mehrjährigen Pflanzenarten, die vorwiegend im gärtnerischen Bereich Verwendung finden und bei denen der jährliche Aufwuchs im Herbst abgeschnitten wird, eine. bemerkenswerte, jährliche Biomassebildung einzelner Arten entsteht - und das über mehrere Jahre, mit nur wenig oder keinem Einsatz von Düngemitteln.
Aus dieser Erkenntnis heraus wurden, im Rahmen des Forschungsprojektes verschiedene Pflanzenmischungen aus Wild- und Kulturpflanzen entwickelt und auf Ackerflächen, in einer heckenähnliche Strukturen angepflanzt oder ausgesät. Es wurden keine Düngung und keine Pflanzenschutzmittel eingesetzt, die Stickstoffversorgung erfolgte ausschließlich über natürliche Bodenbearbeitung.
Im Ergebnis haben sich auch in größeren und längeren Pflanzversuchen einige Pflanzenarten in den Mischungen mit einem sehr hohen, jährlich wiederkehrenden Biomasseaufwuchs hervorgetan.
Die Ergebnisse aus dem Projekt zeigen hiermit, die grundsätzliche Möglichkeit der Integration von mehrjährigen Mischungen in die landwirtschaftliche Produktion auf.
Da der Schwerpunkt dieser Versuche mehr auf dem ökologischen Ansatz beruhte, gilt es nun, die neuen Erkenntnisse in weiteren Versuchen, unter verstärkt ökonomischen Aspekt durchzuführen.
Doch was unterscheidet nun den Energiegewinn aus Mais von dem aus Wildpflanzen? „Mais muss zum Beispiel jedes Jahr neu gesät werden“, erklärt Dr. Birgit Vollrath von der LWG. „Dadurch ist auch eine jährliche intensive Bodenbearbeitung notwendig.“ Doch nicht nur das: Die Maispflanzen müssen mit Pflanzenschutzmitteln behandelt werden, um sich gegen Schädlinge wehren zu können. Darüber hinaus laugt eine einseitige intensive Bewirtschaftung die Böden aus. Ein hoher Einsatz von Düngemitteln belastet das Grundwasser. Doch ohne sauberes Grundwasser, gesunde Böden und Bienenvölker haben auf lange Sicht Mensch und Tier das Nachsehen – selbst mit aussreichend Vorräten an Biogas. 
All diese Nachteile des Maisanbaus entfallen bei den artenreichen Energiepflanzen der LWG-Versuche. Im Gegenteil: Nur alle fünf Jahre muss voraussichtlich der Boden bearbeitet werden. Der Landwirt braucht weder Beize noch Pflanzenschutzmittel einzusetzen, spart Dünger, Kosten und Arbeitszeit. Boden und Grundwasser werden geschont. Bienen und andere Insekten finden Nahrung in Hülle und Fülle. Und selbst Hase, Rebhuhn, Reh und Lerche bevölkern rasch die bunten Äcker: Im dichten Stängel-Dickicht wächst der Nachwuchs unbesorgt auf, wie eine Studie der Deutschen Wildtierstiftung ergab: Die Landwirte müssen die Felder erst dann ernten, wenn die Jungtiere selbständig sind.
Nutznießer der artenreichen Energiepflanzen sind vor allem Bienen und andere blütenbesuchende Insekten. Das reichhaltige Angebot an Nektar und Pollen füllt die Nahrungslücke, die in unseren Agrarlandschaften mancherorts ab Mitte Juli entsteht, erklärt Dr. Ingrid Illies vom Fachzentrum Bienen. Auf den Versuchsfeldern bei Würzburg entdeckte sie, dass Hummeln und Honigbienen hier besonders intensiv Nektar und Pollen sammeln. „Diese Wildpflanzen-Flächen sind reich gedeckte Tische für alle Bienen – bis in den Herbst hinein“, freut sie sich.
Selbst die Fledermäuse profitieren von diesem neuen Schlaraffenland: Der Insektenreichtum über den bunten Feldern zieht sie an und sichert ihr Überleben. Bei Untersuchungen auf den Versuchsfeldern der LWG in Güntersleben bei Würzburg entdeckten die von der LWG beauftragten Biologen sieben Fledermaus- und 30 Vogelarten. Davon stehen 15 auf der Roten Liste, berichtete Werner Kuhn von der LWG. Dazu kommen zahlreiche Insektenarten.
Bei einem so hohen ökologischen Nutzen wäre zu vermuten, dass die Gasausbeute aus den bunten Feldern nicht allzu hoch sein kann. Aber dem ist nicht so: Die Firma Saaten Zeller in Miltenberg, die gemeinsam mit der LWG die Saatmischungen zusammenstellt und testet, hat mehrere Mischungen im Versuch: Sie sind teilweise stärker ökonomisch, und teilweise vorrangig ökologisch ausgerichtet. Sie lassen sich regional anpassen. Die wirtschaftlich orientierte Variante beinhaltet auch starkwachsende Pflanzen außereuropäischer Herkunft. Biomasseernte und Methanausbeute dieser auf höchsten Ertrag ausgerichteten Samenmischung liegen im ersten Jahr zum Teil weit über denen aus Maisbeständen. Das ergaben erste Vergasungsversuche.
Eine Gruppe von Mischungen stellten die Wissenschaftler nach ökologischen Gesichtspunkten zusammen. „Hier kommen ausschließlich heimische Stauden zum Zug“, erklärt Joachim Zeller, Chef des in Riedern bei Miltenberg ansässigen gleichnamigen Saatgutunternehmens. Der Ertrag an Biomasse und Methan liegt erwartungsgemäß niedriger als bei Mais. „Doch wenn man Arbeits-, Geld-, und Zeitersparnis der Landwirte in die Kalkulation mit einbezieht, dann könnte in vielen Fällen auch die ökologische Mischung den Mais wirtschaftlich aus dem Feld schlagen,“ prognostiziert Dr. Birgit Vollrath. Das gilt sowohl für Ernten von den lehmigen Kalkböden Frankens als auch von den schwach sauren, humosen Sandböden des Nordwestdeutschen Tieflands Niedersachsens.
Bei der Wahl des Saatgutes achten die Wissenschaftler sehr darauf, dass sie invasive Arten meiden. Das sind Pflanzen, die einen starken Ausbreitungsdrang haben und deshalb bei großflächigem Anbau zu ökologischen Problemen führen: Sie könnten die heimische Flora gefährden. Auch sortierten die Fachleute Arten aus, die eine spätere Nutzung des Wildpflanzen-Ackers als normales Feld behindern könnten, erklärt Dr. Birgit Vollrath.
Bei all ihrer Arbeit sind die LWG’ler und der Saatgutproduzent Joachim Zeller nicht alleine. Sie sind Teil des Netzwerks Lebensraum Brache, das bereits seit Jahren gegen den fortschreitenden Verlust von Nahrungsquellen und Lebensräumen in der Agrarlandschaft mobil macht. Mit dem Projekt "Energie aus Wildpflanzen" soll es nun unter Leitung der LWG eine ebenso ökologische wie ökonomische Alternative zu herkömmlichen Energiepflanzen schaffen. Die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) fördert das Vorhaben. Projektpartner sind neben der Deutschen Wildtier Stiftung (DeWiSt) der Deutsche Verband für Landschaftspflege (DVL), der Internationale Rat zur Erhaltung des Wildes und der Jagd (CIC), der Landesjagdverband Bayern (BJV) und der Saatgutproduzent Saaten Zeller.
Neu hinzukommen werden nun als Partner die Praktiker: Landwirte und Biogasanlagenbetreiber. Sie sollen in den kommenden vier Jahren mit dem beiden Saatgutrichtungen und ihren Varianten arbeiten und ihre Erfahrungen in das Projekt einbringen. Das Bild der Landschaft und das Leben von Flora und Fauna werden sie dabei nachhaltig zum Besseren verändern. Die einzigen, die sich darüber ärgern könnten, sind die Wildschweine, machte Werner Kuhn deutlich. Sie leben bisher in den riesigen Maisfeldern wie die Maden im Speck– und richten dabei jährlich für zigtausende Euros Schaden an.
Text: Viola Nehrbaß
